DREIKLANG

Ausstellung mit Christine Bender,  Johanna Teske und Uta Kamleiter 

 

Vernissage: Do, 09.07.2026, 18 Uhr

 Dauer: 09.07. – 28.08.2026

 

Öffnungszeiten:

Mo, Mi + Fr 8:30 – 13:00 Uhr

Di 8:30 – 13 Uhr + 14 – 16 Uhr

Do 8:30 – 13 Uhr + 14 – 18 Uhr

 

Bezirksrathaus Bad Cannstatt

Marktplatz 2, 70372 Stuttgart

 

Christine Bender trägt Schicht um Schicht Farbe auf ihre Leinwände. Linien setzt sie dazu ein, dynamisch abstrakte Bildwelten zum Ausdruck zu bringen.

 Johanna Teske zeichnet Geschichten ihrer Umgebung und begibt sich auf Spurensuche. Ihre Zeichnungen in Bleistift,Kohle und Aquarell verknüpfen gegenwärtige Momente mit Dokumenten der Vergangenheit.

 Wie Fenster in eine andere Wirklichkeit sind die großformatigen Farbkompositionen von Uta Kamleiter. Mit matter pudriger Präsenz laden sie zum Innehalten ein."

siehe Homepage Bund Bildender Künstlerinnen

 

DREIKLANG - Begleittext zu Johanna Teskes Geschichtenweben: 

 

Für diejenigen von Euch, die etwas mehr über meine Werke und mein aktuelles Projekt „Geschichtenweben“ wissen wollen:

Seit einiger Zeit arbeite ich an einer Reihe größerer und kleinerer Auf-Zeichnungen, in welchen ich persönliche, dokumentarische und geschichtliche Elemente miteinander kombiniere.

 

Das heißt auf der einen Seite, dass ich unterwegs „en plein air“ und daheim Momente der Gegenwart bildlich und schriftlich festhalte. Ich zeichne, was ich faszinierend und schön finde oder mich bewegt. Es sind wiederkehrende Freuden, wie die kleinen Buschwindröschen im Frühlingswald, die ich auf diese Art und Weise würdige. Mein sonniger Balkon, wechselnde Jahreszeiten in Wald und Garten, der Blick aus dem Fenster vorbei an meiner mehrjährigen Amaryllis zwischen Weihnachten und Neujahr oder der Sonnenblumenstrauß hinter meinen Geschichtsbüchern am heißesten Tag des Jahres 2025. Ich halte Ausschnitte meines Alltags fest, mein Zuhause, hier fühle ich mich wohl. So entstehen beim Spazieren, Wandern, im Atelier und auf dem Balkon meine „Momentbilder“ wie Notizen. Als Stillleben, Pflanzenportrait, Wetterstimmung und Landschaftszeichnung.

Während ich dasitze und zeichne oder schreibe, denke ich nach. Gedanken kommen und gehen, Kreisläufe, Erdgeschichten, Menschengeschichten. Jetzt gerade, am 31. Mai 2026, gewittert es. Das ist gut so, denn wir brauchen den Regen. Die Gedanken drehen sich weiter in eine beunruhigende Richtung, denn seit längerer Zeit fürchte ich zunehmend um unser aller Wohlbefinden. An dieser Stelle weht mir die Zukunft entgegen.

 

Ok, viele Mitmenschen leiden auch in diesem Moment. Nicht nur am anderen Ende der Welt, sondern auch hier, unglaublich, sogar in der Umgebung von Stuttgart. Wir können darüber streiten, wie viel Leid hiervon gesellschaftlich erschaffen ist.

Ich schaue meine Bilder an. Ich sage nicht, dass hier alles gut war und ist, weil ich hübsche Motive meines Alltags zeichne. Ich meine nicht, dass alles so bleiben soll, wie es war oder ist, weil ich Sicherheit in natürlichen Kreisläufen und gemeinschaftlichen Ritualen finde. Ich sage allerdings: Anstatt einen Schritt weiter Richtung gerechtere Welt zu gehen, werden wir rückwärts getrieben. In zunehmendem Tempo. Normalität verschiebt sich, wird verlernt und ausgehöhlt. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“? Wer seinen Polarstern ernst nimmt, sollte seiner Richtung folgen, erst recht durch einen Sturm. Oder nicht? Ab wann ist ein gesellschaftlicher Grundkonsens so ausgehöhlt, dass er vom Winde verweht wird?

 

Wind – Buschwindröschen.

 

Wie gesagt, ich halte meine friedlichen und schönen Momente fest. Das scheint mir angebracht, denn ich fürchte, ein Sturm zieht auf. Das ist der erste Teil, die Gegenwart. Und ein bisschen die Zukunft.

 

Auf der anderen Seite steht mein Abtauchen in vergangene Zeiten. Das beruhigt mich, denn was passiert ist, ist passiert. Da kann man nichts mehr drehen und wenden, man kann nur daraus lernen und sich einen Anker schmieden. Auf wen kann ich zurückblicken, wer hatte einen Polarstern wie ich und behielt seinen Kurs im Auge des Sturms?

 

Ich erforsche und zeichne also neben der Gegenwart auch einen Teil unserer Geschichte: Die Verfolgung von 13 Anarchosyndikalist*innen1 während des Nationalsozialismus um 1935/36 aus dem Südwesten Deutschlands und der Umgebung Stuttgarts. Die Spuren der damals Angeklagten nehme ich anhand von Verhör- und Gerichtsprotokollen auf. Ich besuche KZ Gedenkstätten, lese Bücher über Bücher und pflege einen regen Austausch mit befreundeten Historiker*innen. Ich wandere in Archive und Dokumentationszentren, finde persönliche Nachlässe mit Briefen und Erinnerungen, spreche mit Angehörigen und gehe weiter zu Orten, an denen sie lebten, wirkten, litten und überlebten. Und mache dort dann eine Zeichnung als Notiz aus der Gegenwart. Oder schreibe ein paar Zeilen. Wir werden Euch nicht vergessen, ein Hoch auf die Menschlichkeit, denn andere werden folgen.

 

Die geschichtlichen Funde webe ich schließlich in meine gegenwärtigen Momentbilder ein. So entstehen Bilder von Orten und Personen, die sowohl Bruchstücke und Spuren der Vergangenheit als auch meine Wahrnehmungen der Gegenwart enthalten.

 

Kein Sturm gleicht dem anderen. Manchmal sind es nur Windböen. Manchmal bedeutet sonnige Windstille am Boden drohende Gewittertürme im Himmel. Manchmal ziehen sie vorbei. Manchmal knallt es früher als später und der Sturm ist bereits da. Ich denke für die Menschheit stellt sich die Frage, wie sie kommende Stürme meistern wird: Gemeinsam und solidarisch, was so ziemlich anarchistisch sein könnte. Oder im bewährten Herrschaftsstil mit immer härteren Bandagen weiter einer absurden Wirtschaftsordnung folgend Richtung Ausbeutung, Profit, Krieg und vernichtender Zerstörung?

 

Die Zukunft wird rückblickend zeigen, ob wir es schafften. Und heute? Beginnen wir miteinander zu reden?

Die Ausstellung im Bezirksrathaus zeigt einen Zwischenstand von „Geschichtenweben“.

 

Über Rückfragen, Kommentare, Antworten und Austausch freue ich mich.

Vielleicht sehen wir uns an der Vernissage oder während der Ausstellungszeit vor Ort? Gerne können wir uns auch vorab für ein Treffen verabreden! Einfach per Mail Anfragen!

 

Johanna

 

 

Bildliste:

 

1. „Geburtstagsblümchen / Vorläufige Festnahme wegen Vorbereitung zum Hochverrat Februar 1935“, Aquarell und Stifte auf Papier,         36 x 48 cm, 2025

 

2. „Schneeglöckchen / Hinterhofbilder I“, Aquarell und Bleistift auf Papier, 23 x 31 cm, 2025

 

3. „Garten zu Hause / Hinterhofbilder II“, Aquarell und Bleistift auf Papier, 23 x 31 cm, 2025

 

4. „Garten zu Hause / Hinterhofbilder III“, Aquarell und Bleistift auf Papier, 23 x 31 cm, 2025

 

5. „Recherche und Sonnenblumen für Walter“, Aquarell und Mischtechnik auf Papier,

    61 x 46 cm, 2025

 

6. „Frei Frei Frei / Walter Reede“, Kohle und Stifte auf Papier, 59,4 x 42 cm, 2025

 

7. „Martha Reede und Milly Whitkop-Rocker“, Kohle auf Papier, je A4, 2025

 

8. „Streuobstwiese bei Weil im Dorf / Ein Sturm zieht auf“, Aquarell und Bleistift auf Papier,

    61 x 46 cm, 2026

 

9. „Remstalwanderung bei Fellbach / Abschrift Aussage Walter Reede Juni 1935“, Aquarell und Stifte auf Papier, 46 x 61 cm, 2025

 

10 „Remstalwanderweg mit Blick auf den Korber Kopf /Abschrift Voruntersuchung Martha Ückert (später Reede) Juni 1935“, Aquarell         und Bleistift auf Papier, 23 x 31 cm, 2025

 

11. „Buschwindröschen und Scharbockskraut“, Aquarell und Bleistift, 23 x 31 cm, 2026

 

12. „Das Lied der Amsel / Karl Dinglers Erinnerungen an Gefangenschaft“, Aquarell und Mischtechnik auf Papier, 61 x 46 cm, 2026

 

13. „Erstes illegales Treffen in Bad Wimpfen 1933“, Kohle und Stifte auf Papier,

    42 x 59,4 cm, 2026

 

14. „Neckarbrücke Bad Wimpfen / Abschrift Aussage Hugo Frisch Juni 1935“, Aquarell und Stifte, 15 x 30 cm, 2025

 

 

15. „Was denkst Du? / Karl Dingler und Familie“, Kohle und Stifte auf Papier, 42 x 59,4 cm, 2025

 

16. „Herbststillleben /Karls Brief an Rüdiger und Dora“, Aquarell und Mischtechnik auf Papier,

    36 x 48 cm, 2025